ZIRKUSKINDER
(Auszug)

Children of the Circus

2010 - 2014

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Zirkuskinder

Ein zwölfjähriges Mädchen sitzt auf einer Wiese und schaut, wie man nur schaut, wenn man ernsthaft über etwas nachdenkt. Das Mädchen heißt Cheyenne Richter, es ist ein Kind des Zirkus, ein zartes, blondes Wesen, eine kleine Artistin. Man hat ihr eine Frage gestellt, die Frage lautet: „Kannst du dir vorstellen, später mal in einem Haus mit einem Dach und richtigen Mauern zu wohnen?“ Cheyenne legt ihren Kopf in den Nacken und sieht in den Himmel. Er ist wolkenlos. „Das wäre für mich, wie in einem Gefängnis zu sitzen“, sagt sie. Cheyenne ist eins von vielen Kindern, die der Berliner Fotograf Jörg Klaus in drei Jahren in ganz Deutschland fotografiert hat. Wie viele es genau waren, weiß er nicht mehr. Aber sie alle haben etwas gemein: Ihre Väter oder Opas waren Zauberer und Clowns, ihre Mütter Drahtseilakrobatinnen oder Dompteurinnen. Es sind Kinder, die in sechster, siebter oder achter Generation hineingeboren wurden in eine Welt ohne festen Wohnsitz, ohne festes Klo. Ihr Zuhause heißt „Monaco“, „Afrika“, „Olympia“ oder „Rolina“. Ihre Eltern haben ihnen beigebracht, wie man Pferde reitet und Taue knotet und dass sie zu einem besonderen Teil der Gesellschaft gehören, dem „fahrenden Volk“. Ihre Kinderzimmer sind viereckige Kästen auf Rädern, und manche haben den Namen ihres Geburtsorts vergessen, weil er nicht wichtig für sie war.„Der Zirkus ist meine Heimat, mein Leben, meine Familie, das Schönste“, sagt Cheyenne. Später möchte sie mal einen Freund von einem anderen Zirkus haben und ihn heiraten. Einen von „außen“, wie sie sagt, will sie nicht. „Der versteht mich nicht, denn in unsere Welt muss man hineingeboren werden.“ Ein anderes Leben ist für sie unvorstellbar. Viele der Kinder und Jugendlichen reden von Freiheit und Familie. Sie leben eng beieinander und finden das, so sagen sie es selbst, schön. Sie leben untereinander, heiraten untereinander. In einer Welt, in der normale Familien oft über Hunderte Kilometer verstreut leben, wirken nicht nur die Zelte der Zirkusfamilien wie Relikte aus einer anderen Zeit, sondern auch die Art des Zusammenlebens. Die Idee zu diesem Projekt kam Jörg Klaus beim Autofahren. Oft sah er Zirkuszelte, aber die Menschen darin waren ihm fremd. Zirkusse sind abgeschlossene Systeme, Parallelgesellschaften mit eigener Sozialstruktur. Jörg Klaus faszinierte es, wie wenig man von den Menschen in diesen Systemen wusste. Vor drei Jahren hielt er zum ersten Mal bei einem Zirkus an und fragte, ob er Bilder machen dürfe, Porträts. Klaus, erzählte von sich und seiner Arbeit. Seit fast 30 Jahren fotografiert er. Lange für die renommierte Berliner Agentur Ostkreuz. Man schickte ihn zum Zirkusdirektor. Es hieß, man müsse den „Boss“ fragen. Der Zirkusdirektor sah Jörg Klaus lange an. Er war misstrauisch. Er sagte: Nein. Aktivisten hatten Zirkussen die Zelte zerschnitten und ihre Plakate abgerissen. Von Jahr zu Jahr waren weniger Besucher gekommen, und die Kosten für Strom und Wasser waren gestiegen. Besonders eine Lobby macht Ärger: die Tierschützer. Gerade erst hat die Organisation Peta wieder 600 000 Unterschriften für ein Wildtierverbot gesammelt. Einige Städte gaben Zirkussen keine Plätze mehr. In Frankreich und Italien gilt der Zirkus als Kulturgut. In Deutschland nicht. Den letzten Staatszirkus gab es in der DDR. Je schwerer die Zeiten für Zirkusleute wurden und je unverstandener sie sich fühlten, desto mehr zogen sie sich zurück. Der Zirkusdirektor war nicht bereit, einen fremden Fotografen einzulassen. Wenn Jörg Klaus fotografieren wolle, solle er zur Vorstellung kommen, sagte er. Jörg Klaus fuhr zum nächsten Zirkus. Dort sagte man ihm zu, nach langem Zögern, seitdem wurde es leichter für ihn, denn Zirkusse sind untereinander befreundet oder auch zerstritten, aber man kennt sich. Und so sprach es sich herum, dass da ein Fotograf war, dem man vertrauen kann und der sie porträtieren wollte. Ein Schneeballsystem. Manchmal musste Klaus allerdings erst mithelfen, das Zelt aufzubauen oder die Lamas zu füttern, bis er Fotos machen durfte. In den Wohnwagen wollte Klaus keine Bilder machen, das kam ihm falsch vor, zu voyeuristisch. Er wollte den Artisten, Künstlern und Kindern ihre Würde lassen. Wenn man Jörg Klaus fragt, warum seine Bilder so schwer und düster sind, fast melancholisch, dann sagt er, er habe meistens lange abgewartet und nichts gesagt. „Irgendwann“, sagt er, „haben die Kinder auf gehört zu lächeln, dann hab ich abgedrückt.“ Klaus’ Fotos erzählen Geschichten. Es sind Geschichten von Verantwortung, von Ehrfurcht, Stolz, vom Erwachsenwerden, von Identität. Es sind respektvolle Bilder, aber sie haben zwei Seiten, wie diese Clowns mit den schwarz-weißen Gesichtern – wie der Zirkus selbst. Da ist zum einen die Illusion. Der Zauber. Das Glitzernde. Das Anziehende. Man darf dort eintreten, bleibt aber immer ein Gast. Die andere Seite des Zirkus liegt im Dunkeln. Im August reiste der Fotograf Jörg Klaus einige Zirkusse noch mal ab, um die Eltern der Kinder um Erlaubnis zu fragen, die Bilder im stern abzudrucken. Die Eltern sahen den Fotografen an. Sie sahen die Bilder an. Sie sagten: Ja.

(Nora Gantenbrink -stern-)

 

J.Klaus at work